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24.08.2007


60 Jahre Volkshochschule Parchim nach dem Ende des II. Weltkrieges

(Ein historischer Abriss auf der Grundlage einer Zuarbeit von Herrn Günter Schlegel, stellvertretender Vorsitzender des Pädagogischen Beirates der Volkshochschule des Landkreises Parchim)

Man schrieb das Jahr 1945, als mit dem Ende des II. Weltkrieges das Regime der Hitlerdiktatur zugrunde ging, welches für Deutschland und die Welt so verheerende Auswirkungen hinterlassen hatte. Nach dieser Katastrophe galt es nun, einen materiellen und geistigen Wiederaufbau zu starten. In dieser Situation erlangten Bildungs- und Erziehungsaufgaben eine hervorragende Bedeutung. Nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern alle Generationen und Schichten wurden von dem Streben nach höherem Wissen und besseren Einsichten erfasst. In dieser Situation erlangte die Volkshochschule für viele Menschen auch in und um Parchim einen bis dahin nicht gekannten Stellenwert im Gefüge der Bildungseinrichtungen.

Die Volkshochschule befindet sich heute im Kommunalen Bildungszentrum, 
Ziegendorfer Chaussee, 19370 Parchim

Bei der Organisation und inhaltlichen Gestaltung der Volkshochschularbeit konnte man dabei auf wertvolle Erfahrungen zurückgreifen, wie sie zur Zeit der Weimarer Republik gemacht worden waren.

Am 25.01.1919 erließ z. B. das preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung einen Erlass, in dem zur Errichtung von Volkshochschulen aufgerufen wurde: "Die Not der Zeit offenbart so eindringlich wie denkbar die Notwendigkeit der Arbeitsgemeinschaft aller Volkskreise. Wir müssen Brücken schlagen zwischen dem kleineren Volksteil, der geistig arbeitet, und dem immer größer bleibenden Teil unserer Volksgenossen, der mit der Hand schafft, aber geistig hungrig ist..."

In Mecklenburg-Schwerin reagierte das Unterrichtsministerium im Juli 1919 darauf mit "Bestimmungen für den Aufbau der staatlichen Volkshochschule." Darin hieß es u. a.: "Die staatliche Volkshochschule in Mecklenburg hat die Aufgabe, Wissen und Bildung zum Gemeingut der gesamten Bevölkerung zu machen. Sie dient diesem Zweck durch Unterrichtskurse, in denen die Ergebnisse der Wissenschaft in allgemeinverständlicher Form zur Darstellung gelangen." In einem Schreiben forderte nun das Ministerium die "Stadt- und Flächenverwaltungen" auf, örtliche VHS-Vereine ins Leben zu rufen.

Parchim reagierte darauf am 09.09.1919 und gründete einen VHS-Ausschuss bestehend aus 6 Personen: 2 Frauen und 4 Männer mit verschiedenen Berufen und Funktionen. Die praktische Arbeit der VHS Parchim bestand nun darin, prominente Dozenten für Vorträge zu gewinnen. Im Winter 1920/21 sah das dann so aus:

  • Privatdozent Dr. Wachs, Rostock - Abstammungs- und Vererbungslehre
  • Prof. Dr. Golther, Rostock - Richard Wagner
  • Prof. Dr. Robert Beltz, Schwerin - Vorgeschichte von Mecklenburg
  • Dr. med. Sack, Warin - Geschlechtskrankheiten
  • Oberlehrer Dr. Folkers, Rostock - Bodenreformfragen
  • Dr. med. Pöhlmann, Schwerin - Tuberkulose
  • Diplomhandelslehrer Middelhauve, Lübeck - Volkswirtschaftslehre
  • Dr. jur. Hasse, Rostock - Einführung in die Reichsverfassung
  • Prof. Dr. Schlick, Rostock - Himmelskunde
  • Dr. med. Anders, Rostock - Krebskrankheiten
  • Prof. Dr. Wossidlo, Waren - Einführung in die Eigenart und Schönheit Mecklenburgs
  • Lehrer Schult, Hamburg - Einführung in die Lehre von Karl Marx

Schon Ende 1945 setzte man in Parchim die Tradition der Volksschularbeit fort und der Dozent Richard Lau startete mit einem Kurs in Stenographie, mit dem er dem Bildungshunger interessierter Bürger entsprach.

Das erste gesicherte Datum über die Tätigkeit der Kreisvolkshochschule Parchim liegt jedoch erst mit dem 22.01.1947 vor. Folglich begehen wir im Jahre 2007 das 60-jährige Jubiläum dieser Bildungseinrichtung. Und diese 60 Jahre Volkshochschule sind wahrlich eine 60 Jahre währende Erfolgsstory.

Zunächst verlief die organisatorische und inhaltliche Arbeit der Volkshochschule in den traditionellen Bahnen, d. h., es wurden Vorträge zu einzelnen Themen für interessierte Bürger angeboten.

Spätestens ab 1947 jedoch bot die Kreisvolkshochschule neben Einzelvorträgen auch vorwiegend Kurse an. Hierin bemühten sich junge Leute, Wissen zu erwerben, welches sie als Grundlage für berufliches Fortkommen nutzen wollten. Besonders begehrt waren die Kurse in Stenographie (heute vergleichbar mit PC-Kursen), Hauswirtschaft, Mathematik sowie Sprechen und Vortrag. Aber auch Russischkurse, Betriebswirtschaftslehre und Geschichte standen hoch in der Nachfrage. Dabei nahmen einige Teilnehmer aus den Dörfern Friedrichsruhe, Karrenzin und Siggelkow weite Wege bei jedem Wetter auf sich, um zur Volkshochschule zu kommen. Andererseits begannen aber auch schon zu dieser Zeit, Außenstellen in Damm, Matzlow und Friedrichsruhe zu arbeiten, indem Dozenten in diese Orte fuhren und Kurse leiteten.

Eine weitere Qualität wurde dadurch erreicht, dass bestimmte Berufsgruppen gezielt auf neue berufliche Aufgaben geschult wurden. Das traf ab 1953 besonders für die Landwirtschaft zu. Es mussten die "Kader" für die Großraumwirtschaft herangebildet werden und die Volkshochschule organisierte entsprechende Lehrgänge. 1953 liefen bei der Volkshochschule 173 Kurse mit 4178 Hörern, wobei 92 Dozenten im Einsatz waren.

Analog zu den Schulungen für landwirtschaftliche Tätigkeiten wurde es ab 1954/55 zur Gepflogenheit, dass sich alle größeren Betriebe veranlasst sahen, über die Volkshochschule Betriebslehrgänge zu organisieren. In diese wurden die Mitarbeiter dann - auch z. T. mit Druck - delegiert. Von den 37 Lehrgängen dieser Art hier einige Beispiele:

Betrieb Fach/Kurs Teilnehmer
Feuerwehr Rechnen 15
VEAB Agrarbiologie 20
Konsum Lebensmittelhygiene 10
Kreditanstalt Politische Ökonomie 15
Kinderheim Menthin Deutsch/Rechnen 28
MTS Severin Geschichte der Arbeiterbewegung
Agrarbiologie
Agrartechnik
268
VEG Woeten Agrarbiologie und Agrartechnik 80

Ende der 50er Jahre wandelte sich der Charakter der Volkshochschulen. Sie waren quasi zu allgemeinbildenden Schulen für Erwachsene geworden. Der Schwerpunkt der Arbeit verlagerte sich auf systematische Lehrgänge zur Ablegung von Prüfungen an der Abend-, Mittel- oder Abendoberschule. Nach bestandener Prüfung konnten die Teilnehmer eine Fach- oder Hochschule besuchen. 1957/58 waren folgende Lehrgänge im Angebot, die mit einer anerkannten Abschlussprüfung endeten: Grundschulreife, Mittlere Reife, Abitur, Vorbereitungslehrgang auf das Fachschulstudium und Vorbereitungslehrgang auf das Hochschulfernstudium (Sonderreifeprüfung). Daneben waren im Angebot 15 weitere Lehrgänge ohne anerkannten Abschluss.

Der Unterricht wurde in Parchim in der Berufsschule, der Diesterwegschule und in der Oberschule durchgeführt sowie im Kreisgebiet in 21 Außenstellen.

Die Volkshochschule Parchim wurde von folgenden Personen in den Jahren bis 1990 nacheinander geleitet: Herr Herbert Schlau, (ehrenamtlich) Herr G. Krawulsky, Herr G. Grundei, Frau Luise Herrmann, Herr Wolfgang Magnus und Herr Hans Schöffler (1970 bis 1989). In der politisch so bedeutsamen Zeit der "Wende" leitete Frau Angelika Bräunlich bis 1991 die Geschicke der VHS. Danach amtierte für einige Übergangsmonate Frau Christel Grollmuß. Ihr folgte bis 1995 Dr. Ottenberg in der verantwortungsvollen Funktion des Leiters.

Im Zuge der Kreisgebietsreform 1994 wurden die bis dahin selbständigen Volkshochschulen Lübz und Sternberg zu VHS-Arbeitsstellen der Volkshochschule Parchim umstrukturiert. Herr R. Urbaniak in Lübz und Herr Dr. Ottenberg in Sternberg wurden mit der Leitung dieser Arbeitsstellen betraut. Zur Direktorin der VHS Parchim berief der Kreistag am 06.02.1995 die Diplomlehrerin Frau Dörte Hillig. Sie übt dieses verantwortungsvolle Amt bis heute aus. Zum Zeitpunkt dieser Umstrukturierungen bestand das Team der Volkshochschule Parchim aus 10 Mitarbeitern, davon 5 Pädagogen.

Erstmalig in der Geschichte der Volkshochschule Parchim konstituierte sich am 05.01.1995 ein Pädagogischer Beirat. Ihm gehörten an: Dr. Hans-Ulrich Krellenberg (Vorsitzender), Dezernent Hans-Peter Jagnow, Schulrat Matthias Zwerschke, die Kursteilnehmerin Ute Roggmann, der Bürgermeister der Stadt Brüel Michael Voigt, die Mitarbeiterin des Kreisjugendamtes Margret Rehfeld und der Dozent Günter Schlegel.

Für die befristete Zeit bis 1999 bezog die Volkshochschule mit ihrer Hauptgeschäftsstelle Räume im Friedrich-Franz-Gymnasium Parchim. Dann erfolgte der Umzug in die weit besser geeigneten und bis heute genutzten Räume im kommunalen Bildungszentrum Parchim. Hier kann der Unterricht nach modernen Methoden in erwachsenengerecht ausgestatteten Räumen stattfinden. Seit 2007 verfügt die VHS z. B. über ein PC-Kabinett auf neuestem technischem Stand. Die Arbeitsstelle Lübz wurde 1999 aus einem Barackengebäude in das denkmalgeschützte Bürgerhaus verlagert, während die Arbeitsstelle Brüel nach wie vor in dem eigenen, bestens ausgerüsteten Domizil agiert.

Was die Unterrichtsqualität betrifft, so ist zu konstatieren: die Volkshochschule Parchim errang im Jahre 2005 als 2. Volkshochschule in Mecklenburg Vorpommern das Gütesiegel "LQW II - Lernorientierte Weiterbildung".

An folgenden Merkmalen wird der hohe bildungspolitische Wert der Arbeit der Volkshochschule besonders deutlich sichtbar:

1. das umfangreiche und den aktuellen Bedürfnissen entsprechende Angebot an Kursen und Einzelveranstaltungen in 6 Fachbereichen, wie es aus den jährlich herausgegebenen Programmheften ersichtlich wird;

2. die gute fachliche und pädagogisch auf hohem Niveau stehende Unterrichtsarbeit der ca.150 im Einsatz befindlichen nebenberuflichen Dozenten;

3. die Prüfungsergebnisse der Absolventen in den Schulabschlusskursen (Berufsreife Kl. 9), (Mittlere Reife Kl. 10), in den Kursen mit staatlich anerkannten Abschlussergebnissen (Staatlich anerkannter Erzieher, Heilerziehungspfleger) und in Kursen mit IHK-Zeugnis (Bilanzbuchhalter, Fachwirt für Gesundheit und Soziales);

4. die guten Ergebnisse der sehr vielen Teilnehmer an den Sprachkursen. Das erworbene Wissen in diesen Kursen eröffnet vielen Menschen eine bessere Integration in unsere Gesellschaft. Andererseits werden dadurch sprachliche Barrieren beim Aufenthalt der Menschen im Ausland überwunden.

(Veröffentlicht im Landboten Nr. 08 2007)

     

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